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Foto des Monats

Abb.1: Blick durch einen vollverglasten modernen Anbau auf den Hof der Herbert Schümann-Papierverarbeitungswerke, Fotograf ungenannt, Anfang 1950er Jahre.

Dezember 2020

Konversion der Moderne. Moderne Architektur im Industriebau in Stadtallendorf in den frühen 1950er Jahren. - Von Jörg Probst.

Menschenleer und doch voll Betriebsamkeit ist eine Fotografie, die Anfang der 1950er Jahre in Stadtallendorf von den hier neu gegründeten Herbert Schümann-Papierverarbeitungswerken aufgenommen worden ist (Abb.1). Aus einem Innenraum hinaus geht der Blick durch ein großzügiges, von eleganten schmalen Streben gegliedertes bodentiefes Fenster ins Freie auf den Werkhof. Flache eingeschossige Hallen umstehen einen kleinen Wald aus hohen Kiefern. Die schlanken hohen Bäume scheinen optisch mit den feinen Streben des großen bodentiefen Fensters im Vordergrund zu wetteifern.

Weit im Hintergrund und im Fluchtpunkt der Perspektive dieses „Fensterbildes“ ist ein geöffnetes Hallentor zu sehen. Das offene Tor und die auf dem Hof stehenden Fahrzeuge deuten die Geschäftigkeit an, die sich zum Zeitpunkt der Aufnahme voll und ganz in den Werkshallen zu konzentrieren scheint.

Die bereits 1920 in Berlin gegründete Firma Schümann hatte in der Nachkriegszeit den immer schwieriger werdenden Lebens- und Arbeitsverhältnissen in Berlin noch vor Gründung der DDR den Rücken gekehrt und sich im damaligen Allendorf 1950 neu niedergelassen. Damit ist das Werk, heute eines der führenden Hersteller von gummierten Papieren und Kleberollen für Verpackungen, eine der ersten großen Industrieansiedlungen in Allendorf nach 1945.

Erst auf den zweiten Blick ist zu erkennen, dass die Werksgebäude modernisierte Fabrikbunker der ehemaligen Sprengstoffwerke der DAG (Dynamit Nobel AG) in Allendorf sind. Die 1938-45 in Allendorf hergestellten großen Mengen an Munition und Sprengstoff müssen als wesentlicher Faktor des Raub- und Vernichtungsfeldzuges der faschistischen deutschen „Wehrmacht“ im 2. Weltkrieg angesehen werden. Dennoch gab es keine Bombenangriffe der Alliierten auf den Rüstungsstandort. Daher waren viele der ehemaligen Fabrikbunker der DAG nach Kriegsende unzerstört und für die schon 1950 bundesweit beachtete Umwandlung von Kriegswirtschaft in Friedenswirtschaft, die so genannte „Konversion“ in Allendorf nutzbar.

Bisher wenig erforscht jedoch ist die bauliche Form, d.h. die Architekturgeschichte dieser Konversion. Das Foto von 1950 ist hierfür ein besonders eindrucksvolles Denkbild. So ist bei genauerer Betrachtung der ehemaligen Fabrikhallen der DAG zu erkennen, dass diese Industriebauten in Betonskelett-Bauweise errichtet worden sind (Abb.1 im Hintergrund und Abb.2 rechte Seite). Diese Bauform ist typisch für die Moderne. Obwohl die Moderne in Gestalt des Bauhauses vom NS-Regime verfolgt und außer Landes getrieben worden war, bediente man sich 1933-45 dieser baulichen Innovationen dennoch im Industrie- und Militärbau. Dort, wo sie nicht repräsentativ und nur zweckgebunden war, wurde die Moderne durch das NS-Regime benutzt.

Abb.2: Ehemalige Fabrikbunker der DAG (1938-45) in Betonskelettbauweise auf dem Gelände der Herbert Schümann Papierverarbeitungswerke, Fotograf ungenannt, Anfang 1950er Jahre.

Auf der Fotografie (Abb.1) begegnet diese vom NS-Regime „domestizierte“ Moderne einer nach 1945 zurück gekehrten Moderne als repräsentativer Architektur. Die großzügigen bodentiefen, 1950 entstandenen Fenster, durch die der Blick auf der Aufnahme geht, zitieren die für die Moderne ikonisch gewordenen berühmten, vollverglasten Fassaden des von Walter Gropius 1925-26 in Dessau errichteten Bauhauses (Abb.3).

Abb.3: Bauhaus Dessau (Walter Gropius, 1925-26), Blick in die Werkstatträume.

Die Vergleichsabbildung (Abb.3) des Blicks in eine Werkstatt in Dessau zeigt, dass dieses Motiv der vollverglasten Fassade und die Betonskelett-Bauweise im Bauhaus eine innere Einheit darstellten. Nach 1945 findet beides - die Glasfassade und die Betonskelettbauweise - durch die  baulichen Ergänzungen von Fabrikbunkern der DAG in Allendorf wieder zusammen (Abb.1). Mit den Portierslogen und Lobbies der Schümann-Werke handelt es sich zudem um die ersten zaghaften Boten des 1945 nach Deutschland zurückgekehrten "neuen Bauens" in Allendorf. Repräsentativ, d.h. im ansonsten vom "Heimatstil" der Satteldächer geprägten Stadtbild Allendorfs deutlicher sichtbar wird die Moderne erst in Gestalt der von Ruprecht Funcke entworfenen, mit einer großzügigen Glasfassade versehenen Festhalle 1958.

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"Chronik von Stadtallendorf" (Künstler ungenannt, undatiert), Bildpostkarte um 1970.

November 2020

Beständigkeit im Wandel. Strukturwandel in Stadtallendorf in einer Bildpostkarte um 1970. - Von Jörg Probst.

Das als Bildpostkarte fotografisch reproduzierte Aquarell beeindruckt noch heute durch die Präzision und Geschicklichkeit des leider ungenannten Künstlers. Noch mehr jedoch verblüfft das Spiel mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf diesem um 1970 entstandenen Druck.

Auf dunkelblauem Grund ist ein aufgerolltes Pergament zu sehen, das mit seiner altertümlichen Schrift und den aufwendigen, an die Buchmalerei erinnerenden historisierenden Ornamenten eine Botschaft aus dem Mittelalter sein soll. Als "Chronik von Stadtallendorf" überschrieben, soll auch das in den hessischen Farben Weiß und Rot gehaltene Amtssiegel den feierlichen Eindruck einer verbrieften Kunde aus alter Zeit erwecken.

Zu dieser Altertümlichkeit und Musealität kontrastieren jedoch die Gebäude, die als Sehenswürdigkeiten von "Stadt Allendorf" den Ort auf dem Bild repräsentieren. Sie sind in die Rahmenform eines Wappens eingeschrieben, das die Widersprüchlichkeit von Alt und Neu nur noch deutlicher macht. Denn obwohl Stadtallendorf mit seinem Kernort Allendorf zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Bildpostkarte auf eine knapp 1200jährige Geschichte zurückblicken kann, die bis ins Mittelalter zurückreicht, wurden keine mittelalterlichen Bauwerke Allendorfs, sondern die für die Stadt und ihren Aufschwung symbolischen Großbauten der Moderne zu Hauptmotiven dieses mittelalterlichen Layouts. 

Zu sehen sind hier im oberen Bildteil des "Wappens" von Stadtallendorf (das eigentliche nach 1945 gestaltete Stadtwappen besteht aus einem Bären und dem hessischen Löwen, ein Rad tragend) die Mitte 1958 fertiggestellte Turn- und Festhalle (2010 abgebrannt), darunter das Anfang 1965 übergebene moderne Rathaus (2010 abgerissen; beide Gebäude entworfen von Ruprecht Funcke). Bald nach Fertigstellung des neuen Rathauses heischt die fiktive "Chronik" für Stadtallendorf insgesamt, d.h. die alten und die neuen Stadtteile miteinander versöhnend, Beständigkeit und Dauer.

Bildgeschichtlich eine entfernte Parallele zu dem Aufleben des Historienfilms bei Roman Polanski ("Macbeth", 1971) oder Werner Herzog ("Aguirre oder der Zorn Gottes",1972) oder zu der Populärität von Erotikfilmen in historisierendem Gewand während der so genannten "Sexwelle" um 1970, dokumentiert die Postkarte den Wunsch nach Harmonisierung und Sicherheit in bewegter Zeit.

Als Adressat dieses Kartengrußes kommt eigentlich nur ein Betrachter in Frage, der weit in der Zukunft zu denken ist. In diesem Rückblick aus ferner Zukunft zurück, so der bewusste oder unbewusste Sinn dieses Drucks, möge sich die Stadt auch in ihrem "ständigen Steigen" (so der Text unter dem Wappen) als verlässliche "feste Burg" erweisen.

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Fotografie: Fritz Brinkmann-Frisch, 2017.

Oktober 2020

Wiederbegegnungen in Münchmühle. Eva Pusztai-Fahidi zum 95. Geburtstag gewidmet. - Von Jörg Probst.

Ohne die schreckenerregenden, wie Galgen gekrümmten Pfeiler aus Beton und das unerbittliche dichte Gespinst des Stacheldrahts würde das Bild beinahe idyllisch wirken. Die klare Frühlingssonne, das frische Grün der blühenden Wiesen und der weiche Wind, der die Gräser und Blumen zu bewegen scheint - all das gibt der mahnenden Szene zunächst den dazu im Widerspruch stehenden Charakter eines Urlaubstages. Eines der bekanntesten Gemälde des 19. Jahrhunderts von Hans Thoma (1839-1924) mit dem Titel "Auf einer Waldwiese" (1876, Hamburger Kunsthalle) kommt dem Betrachter der Fotografie vielleicht in den Sinn. Auf beiden Bildern steht in der Landschaft eine einzelne weibliche Person - allein und doch nicht einsam, ohne Begleitung und dennoch nicht verlassen, in Gedanken verloren und doch ganz bei sich.

Bildgeschichtlich ist die Fotografie durch ihre Verwandtschaft mit der romantischen "Heimat"-Kunst des späten 19. Jahrhunderts ein sehr "deutsches" Bild. Umso betroffener macht der Blick auf das bedrohliche tödliche Stacheldrahtverhau und die Betongalgen. "Deutsch" ist das Bild auch oder gerade durch diesen Kontrast. Mitten in der Frühlingssonne in der duftigen Heide steht ein Ort des Leidens. Gewalt und Unterdrückung erscheinen so als Teil der trügerischen Idylle des Heimatfriedens. Allzu leicht, so scheint die Botschaft dieser Fotografie zu lauten, deckt der "vor Glück alles vergessende" und verdrängende, schwelgerische Moment des seeligen Hochgefühls die Abgründe der politischen Wirklichkeit zu. "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" - dieses Gedicht von Paul Celan scheint zu der gefühlvollen Landschaftsaufnahme so gar nicht zu passen. In der Gleichzeitigkeit von romantisch-ästhetisierender Verklärung und politischem Totalitarismus besteht jedoch einer der Gründe für die düstere Verführungskraft des Nationalsozialismus. Bewusst oder unbewusst ist die Erinnerung daran Teil der eindrucksvollen Fotografie.

Als Dokument zeigt die Aufnahme die Holocaust-Überlebende Eva Pusztai-Fahidi bei einem Besuch der Gedenkstätte des KZ-Außenlagers Münchmühle in Stadtallendorf im Mai 2017. Der Besuch der ehemaligen Zwangsarbeiterin, die im August 1944 nach Auschwitz deportiert und von dort als Arbeitssklavin in die Munitions- und Sprengstoffwerke der DAG im damaligen Allendorf verschickt wurde, ist eine der vielen Gesten der Versöhnung. Durch ihren Kontakt zu Schüler*innen, durch ihre Anteilnahme an der Konzeption und Einrichtung des DIZ Stadtallendorf und durch die vom DIZ 2004 besorgte Veröffentlichung ihrer Lebenserinnerungen ist Eva Pusztai-Fahidi seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 Stadtallendorf eng verbunden. Eva Pusztai-Fahidi wurde 2014 die erste weibliche Ehrenbürgerin von Stadtallendorf.

Fast dreimal so hoch wie sie selbst sind die galgenartigen Betonpfeiler, von denen Eva Pusztai-Fahidi auf der Fotografie umgeben ist. Der Besuch ist eine Erinnerung an die Schrecken der Ausbeutung und der Gewalterfahrung in den Sprengstoff-Produktionsstätten der DAG und in dem Zwangsarbeiterinnenlager, in dem auch sie selbst interniert war. Das maigrüne Kleid, das sie trägt und das der Heideidylle der Umgebung so ähnlich ist, erscheint dabei wie ein Signal, die Last der Erfahrungen durch das Leben und Überleben von innen her aufzubrechen und zu besiegen. Die übermächtig scheinenden Betongalgen sehen blass und zerbrechlich aus gegen dieses Zeichen des Lebenswillens und der Kraft des Erinnerns. "Vergeben ja, vergessen nie" - diese Maxime von Eva Pusztai-Fahidi ist die eigentliche Botschaft dieser Fotografie als ihrem "Landschafts-Porträt". - Eva Pusztai-Fahidi feiert am 22.Oktober 2020 ihren 95.Geburtstag.

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September 2020

Hochzeit in der Münchmühle. - Von Heinrich Wegener.

Unser vorletztes Bild des Monats zeigte ein Gruppenbild der „Displaced Persons“ die nach Kriegsende bis zu ihrer Heimreise im „Polnischen Lager Münchmühle“ untergebracht wurden. Die Begeisterung vieler, dass sie den Krieg und die Zwangsarbeit überlebt hatten, war gewaltig. Ein neues Leben in Freiheit wollte so mancher mit Menschen teilen, die er oder sie im Lager kennengelernt hatte oder denen man sich schon im früheren Leben verbunden gefühlt hatte. Ganz ähnlich ging es auch vielen Deutschen, die ihr Leben neu organisieren und nicht mehr Tod und Verwundung befürchten mußten. 1945/46 rollte eine Welle von Hochzeiten auf die Standesbeamten zu. So auch in Allendorf, in dem es 1944 noch 15 Hochzeiten gegeben hatte. Die Statistik des Standesbeamten weist für die Jahre 1945/46 236 Eheschließungen aus, von denen 181 zwischen ehemaligen Kriegsgefangenen bzw. Zwangsarbeitern geschlossen wurden.  Unser Bild zeigt eine dieser Hochzeiten beim Fototermin vor dem Hintergrund der Baracken des Lagers Münchmühle, das noch wenige Monate zuvor ein KZ-Außenlager gewesen war. Das Ausmaß des Wandels, der sich vollzogen hatte, läßt sich kaum drastischer darstellen.

Zentrale hessische Forschungs- und Gedenkstätte zu den Themen Kriegswirtschaft und Industrieverbrechen 1933-45 in Deutschland sowie Industriekultur und Strukturwandel in der Bundesrepublik.

Träger des DIZ ist der Magistrat von Stadtallendorf, unterstützt vom Landkreis Marburg-Biedenkopf und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung (HLZ).

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