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Foto des Monats

Abb.: Eisengießerei-Arbeiter, Fotografie (Fotograf ungenannt), in: Hallo Stadtallendorf, Heft1/1956, S.3.

"Arbeitsgemeinschaft". Identität durch Arbeit in einer Arbeiterfotografie von 1956. - Von Jörg Probst.

Für den Moment, in dem das Foto des Arbeiters (Abb.) entstanden ist, scheint die Schwere seiner Tätigkeit vergessen zu sein. Dem rußverschmierten Antlitz des Mannes, seiner abgetragenen Arbeitskluft und der dicken Schutzbrille ist die Mühseligkeit und Härte seiner Beschäftigung deutlich anzusehen. Vermutlich ist das Porträt in den Hallen der Eisengießerei Fritz Winter in Stadtallendorf entstanden. Es verkörpert die Kraftanstrengungen bei der Industriearbeit. Doch nicht die Qual und Plage der Arbeit, sondern Arbeitsfreude ist dem Mann ins Gesicht geschrieben.

Fast schon überströmende Lebensfreude gehen von dem Foto des Industriearbeiters aus, der mit einem strahlenden Lachen auf den Betrachter der Fotografie blickt. Die beinahe neckisch auf das rechte Ohr geschobene schräg sitzende Kopfbedeckung gibt dem Foto etwas Freundschaftliches und Kameradschaftlich-Vertrauensvolles. Wie groß der Unterschied zwischen einer Dokumentation der Industriearbeit und diesem effektvollen und sehr wirkungsbewussten Porträtfoto ist, belegt auch die feine Inszenierung, wie man sie oft in Hochzeitsfotografien findet.

Damit sie nicht so streng wie Passfotos oder gar Fahndungsfotos erscheinen, werden auf solchen privaten Ehrenfotos die Fotografierten nicht frontal, sondern leicht geneigt aufgenommen. So entsteht der erfrischende Eindruck, als würden die Dargestellten ins Bild „hineinschneien“ und mit einem „Na, wie geht’s?“ gerade auf den Betrachter aufmerksam geworden sein. Dieser „Hallo-wach?!“-Effekt wurde auch in der Fotografie des Arbeiters aktiviert, der von seiner Tätigkeit aufschaut und den Betrachter wie einen herzlich willkommenen „Kumpel“ begrüßt.

Für die Geschichte Allendorfs/Stadtallendorfs ist diese Fotografie so bedeutsam, weil sie als eine Art imageprägendes Symbolbild eines so genannten „Roll-Models“ und einzige Porträtdarstellung im ersten Heft des Stadtmagazins „Hallo Allendorf“ 1956 abgedruckt wurde. Das Heft ist im Grunde eine „Bild-Zeitung“ und enthält fast nur Fotografien. Bis auf das eine Bild eines Industriearbeiters zeigen diese Fotografien jüngst errichtete oder noch im Bau befindliche Häuser, Siedlungen und Industrieanlagen in Allendorf knapp zehn Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges.

Der Stolz darauf, trotz widrigster Bedingungen doch den Aufschwung und ein ganz eigenes kleines „Wirtschaftswunder“ in Allendorf geschafft zu haben, wird in dem Foto des freudestrahlenden Arbeiters personifiziert. Mit dem Bild verbindet sich auch eine für den Ort und viele andere von Geflüchteten und Vertriebenen geprägten Kommunen typischer politischer Gedanke des gemeinsamen und Gemeinschaftlichkeit oder gar Identität stiftenden Aufbauwillens.

Mit dieser Idee einer „Arbeitsgemeinschaft“ (so die Bildunterschrift zu der Arbeiterfotografie in „Hallo Allendorf“ 1956) verbindet sich die beinahe „sozialistische“ Vorstellung des gemeinsamen, alle Klassen und Schichten miteinander verbindenden Anpackens und Wiederaufbauens. Nur so erklärt sich der irritierende Charakter der Fotografie, die in ähnlicher Form und doch ganz anderer politischer Bedeutung auch in Publikationen der sozialistischen DDR als dem „ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden“ zu finden sein könnte.

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Zentrale hessische Forschungs- und Gedenkstätte zu den Themen Kriegswirtschaft und Industrieverbrechen 1933-45 in Deutschland sowie Industriekultur und Strukturwandel in der Bundesrepublik.

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